Montréal bis Halifax – 20 Stunden Zugfahrt

In der Schweiz war ich oft mit dem Zug unterwegs. Ich fahre auch gern Zug. Man hat in der Regel genug Platz (wenn man nicht gerade zu Schweizer Stosszeiten fährt), es gibt die Möglichkeit gemütlich Musik zu hören oder in einem Buch zu lesen. Zugfahren hatte für mich meistens eine entspannende Wirkung. Vor der mir bevorstehenden Zugfahrt nach Halifax hatte ich allerdings etwas Respekt und wenig Vorfreude. Im Nachhinein wird es zu einem Erlebnis, dass ich nicht so schnell wieder vergesse.

Wir sind am Hauptbahnhof in Montréal. Es ist ungefähr 4 Uhr Nachmittags. Der Zug Fährt um 19.00. Genug Zeit um unser Gepäck aufzugeben, das verläuft ungefähr ähnlich wie, wenn wir einen Flug nehmen würden. Nicht, dass ihr jetzt denkt, dass es nötig ist in Kanada 3 Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof zu sein, aber wir hatten einfach keine grosse Lust mit dem ganzen Gepäck noch durch die Stadt zu spazieren, die wir ja schon gesehen haben. Wir essen also gemütlich noch etwas und kaufen noch genug Proviant für die Zugfahrt. Anschliessend setzen wir uns ans Gleis. Ähnlich wie bei einer Reise mit Greyhound Bus muss man in die Reihe stehen und warten, bis die Tickets kontrolliert werden. Wer ganz vorne in der Reihe steht, darf sich als erster den Platz aussuchen. Wir hatten Glück, dass wir so früh da waren, denn hinter uns reihte sich eine riesige Schlange auf, die fast den ganzen Bahnhof durchquerte. Mit uns in der Reihe wartet Richard, er fährt auch bis nach Halifax um sein „Bike“ nach Hause zu holen. Wir unterhalten uns etwas mit ihm und es ergibt sich, dass wir mit ihm an einem 4er Tisch im Zug sitzen (Janosch repariert mal schnell noch einen Sitz damit er wieder in Liegeposition geht).

Das Zugpersonal ist sehr nett. Alle sind mit ihrem Namen angeschrieben ausser die Junge Frau in Ausbildung. Auf ihrem Schild steht lediglich „Trainee“ ihren richtigen Namen will sie uns auch nicht verraten, deshalb wird sie im folgenden auch „Trainee“ genannt. Dafür aber ist sie sehr aufgestellt und nimmt alles mit sehr viel Humor. Wir werden auf humorvolle Weise über die Sicherheitshinweise im Zug informiert weil wir gegenüber eines Notausgangs sitzen, auch darüber wie man im Falle eines Notfalls die Scheiben einschlägt. Wir witzeln noch darüber, ob man in der Ausbildung als Zugbegleiterin üben muss, wie man solche Scheiben einschlägt 🙂 Was aber nicht der Fall ist. Alles wurde gesagt, alle Hinweise wurden verstanden, es kann losgehen und wir sind nun für die nächsten 20 Stunden zertifizierte Scheibeneinschlager (siehe Titelbild). 

Nach etwa 1 bis 2 Stunden Zugfahrt kommt die Durchsage, dass zwei Musiker zugestiegen sind und im Bistro ein kleines Konzert geben. Ein Fiddler und eine Cellistin. Musik zieht mich natürlich immer an und erst recht, wenn es traditionelle Musik ist. Es ist sowieso Zeit um mir die Beine zu vertreten, also stehe ich auf und gehe zum W-lan RaumBistro und was höre ich da? Musik, die klingt ja ähnlich wie Irische! Zumindest ist das ein Jig Rhythmus! Da könnte ich ja fast etwas dazu tanzen! Richard stellt sich zu mir und erklärt mir, dass ja die kanadische Musik sehr von der Irischen beeinflusst wurde, was ja auch Sinn macht, wenn ich darüber nachdenke. Ich erzähle ihm, dass es mir sehr gefällt und ich zu Hause in der Schweiz Irish Dance mache. Er ermuntert mich dazu doch zur Musik zu tanzen, aber nein… ich trau mich nicht recht, bin wahrscheinlich auch etwas zu scheu. Ich geniesse aber die Musik und tanze innerlich mit. Die Musiker sagen, dass sie morgen so etwa um 14.00 wieder spielen, falls jemand zuhören möchte.

Es wird später, ich gehe wieder an meinen Platz zurück. Müde bin ich überhaupt nicht. Zum Glück hab ich noch die restliche Staffel von „13 Reasons Why“ runtergeladen. Ich hab also noch etwas Unterhaltung. Ich schaue 2 Folgen und bin immer noch nicht müde. Werde ich in diesem Zug überhaupt schlafen können? Ich erinnere mich nicht, dass ich jemals so viele Stunden am Stück in einem Zug, Flugzeug, oder Bus verbracht habe – und mich anschliessend immer noch im selben Land befinde! Aber das ist ein anderes Thema. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind mit meiner Familie auf die Malediven geflogen bin. Aber das waren „nur“ ungefähr 10 Stunden und als Kind erlebt man das auch ganz anders. Ich schaue also nochmals eine Folge meiner Serie und versuche anschliessend etwas zu schlafen. Es klappt nicht, ich finde keine Position die bequem ist. Ich höre noch ein Podcast. Die Uhr zeigt etwa 3 Uhr morgens. Schlafen geht immer noch nicht. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie die Landschaft im Dunkeln vorbei zieht. Irgendwann werde ich genug müde sein um zu schlafen, denke ich mir, ganz bestimmt. Die Stunden vergehen und ich Frage mich warum wir nicht geflogen sind. Alle gefühlte 5 Minuten wechsle ich die Position (armer Janosch). Irgendwann döse ich ein. 

Mittlerweile ist es wieder hell und es wird Zeit zum Frühstücken. Auch Richard sieht nicht so aus, als hätte er einen erholsamen Schlaf gehabt. Ich zähle die Stunden, noch ungefähr 10 weitere. Im Bistro wird ein Film abgespielt. Es gibt eine Auswahl zwischen drei verschiedenen Filmen. Die Trainee fragt, welchen, dass sie einlegen soll. Niemanden scheint es zu interessieren. Janosch weist sie dann ganz sanft darauf hin, dass im Zeitalter von Netflix sich wahrscheinlich niemand für einen abgespielten Film im Zug interessieren wird.  Sie erwidert, dass das wohl stimmen möge, aber in ihrer Ausbildung müsse sie lernen, wie man eine DVD einlegt und laufen lässt. – Also dann „Wonderwomen“ bitte! 🙂

Am Nachmittag freue ich mich auf das zweite Konzert. Da niemand wirklich dem Film zuschaut werden jetzt auch die Musiker angekündigt. Die Cellistin fragt uns Zuschauer, wo wir denn alle herkommen. Als sie hört, dass ich aus der Schweiz komme, ich aber gerne irische Musik höre und auch Irish Dance mache. Da waren sie ganz begeistert und munterten mich ebenfalls auf um zu ihrer Musik zu tanzen, das würde Ihnen sehr gefallen. Beim „Swallow’s Tail Jig“ kann ich meine Füsse nicht mehr im Zaum halten und es tanzt. Alle finden es toll, obwohl es ja sehr schwierig ist in einem schwankend, fahrenden Zug mit wenig Platz Irish Dance zu machen. Spass hat es aber trotzdem gemacht.

Der Rest der Zugfahrt verläuft schnell, ich kann nochmals etwas dösen und mich entspannen. Bald fahren wir im Bahnhof von Halifax ein mit etwa 2 Minuten Verspätung. Wir warten auf unser Gepäck, wieder vergleichbar mit dem Flughafen. Von der Trainee werden wir noch zur Bushaltestelle begleitet, von wo aus wir dann den Bus zu unserem Airbnb nehmen.

Es war eine Zugfahrt, die ich so noch nicht erlebt habe und wahrscheinlich auch nicht wieder so schnell erleben werde. Ich kam an meine Grenzen, weil ich keine Möglichkeit hatte mich hinzulegen und nicht schlafen konnte. Andererseits gab es so viele schöne Momente mit Musik, Tanz und Unterhaltungen mit dem Zugpersonal und anderen Passagieren, die all die mühsamen Seiten der Zugfahrt wieder ausglichen. Im Nachhinein bin ich froh, sind wir mit dem Zug gefahren. Ich glaube nicht, dass ich im Flugzeug die Möglichkeit gehabt hätte zu Livemusik zu tanzen. 🙂

 

2 Antworten auf „Montréal bis Halifax – 20 Stunden Zugfahrt“

  1. So geiel, de 🐭, dancing in the train 💃 🚆, und nachher singing in the rain ☔️ . Wie gaht’s de Ukulele?

    🙂 🙂 🙂 und phil ❤️❤️❤️

    1. Ja singing in the rain hätte es fast gegeben 🙂 Der Ukulele geht es gut, sie hat sogar für eine Zeit Gesellschaft bekommen, das heisst wir haben jemanden getroffen, der auch Ukulele spielt, und wir haben zusammen gespielt. Das erklär ich dir aber dann mal genauer 🙂
      Auch ganz vil ❤️❤️❤️

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